Zahlenspiele

Ich habe ja nach meiner Redakteurslaufbahn und vor meiner freiberuflichen Texterei dreieinhalb Jahre in einer ganz anderen Branche gearbeitet. Ich war bei GLS Paketschubse - Hauptsache Geld verdient. Und über diese Zeit will ich nun ein Buch verfassen. Was mir so alles passiert ist. Damit ich hier nun auch mal wieder was poste, wollte ich Euch hier mal meine "Zahlenspiele" präsentieren. Viel Vergnügen!


Ich habe gearbeitet. Jawohl! Und zwar an 871 Tagen (das sind aktive Arbeitstage. Rechnet man alle anderen Tage mit dazu, also auch Wochenenden und Feiertage, sind wir bei 1280). So lange habe ich es als Zusteller ausgehalten. Insgesamt habe ich 82 Tage Urlaub gehabt. Krank war ich auch, nämlich an 4 Tagen. Weniger als 8 Stunden gearbeitet habe ich an 0 Tagen. Mehr als 10 Stunden gearbeitet dagegen an 871 Tagen. Mein zu Hause nur im Dunkeln gesehen habe ich an 325 Tagen, was nun nicht daran lag, dass ich meine Stromrechnung nicht bezahlt habe, sondern daran, dass es früh dunkel war, als ich aus dem Haus ging und Abends auch wieder dunkel war, als ich heim kam.

 

An 871 Tagen bin ich ca. 185.840 Kilometer gefahren. Da der Erdumfang etwa 40.000 Kilometer beträgt, sind das mehr als 4 Erdumdrehungen! Hätte ich noch 979 Tage mehr als Zusteller gearbeitet, dann wäre ich jetzt auf dem Mond. Wäre auch ganz interessant.

 

Ich habe etwa 85.350 Kunden gehabt - das ist übrigens die Postleitzahl von Freising – und die Einwohnerzahl von Flensburg. Pakete zugestellt habe ich 143.715. Aneinandergereiht und bei einer Paketlänge von 2 Metern, wäre das eine Länge von 287 Kilometern, eine Strecke von München nach Würzburg. Sollte noch irgendwo ein Paket rumliegen…. Bei einem durchschnittlichen Paketgewicht von 8 Kilogramm, habe ich 1.149.720 Kilo durch die Gegend gefahren - und getragen, was ich weitaus schlimmer finde!

 

Ein Auto fährt auch heute noch nicht ohne Benzin, so musste ich 340 Mal zur Zapfsäule fahren. Dabei habe ich ca. 27.200 Liter Diesel getankt, was bei einem Benzinpreis von durchschnittlich 1,30 Euro, 35.360 Euro Benzinkosten sind. Für diesen Betrag würde ich 39.288 Wurstsemmeln bekommen.

 

Die Kunden waren immer sehr geizig. Trinkgeld gab es kaum. In den dreieinhalb Jahren habe ich etwa 480 Euro Trinkgeld bekommen. Dafür haben mich 52 Kunden dumm angeredet. 51 Mal habe ich dumm zurückgeredet, 1 Mal hab ich herzliches Beileid gewünscht und bin gegangen. Von durchschnittlich 62 „Guten Morgen“ am Tag, haben 45 Kunden geantwortet, 17 haben gar nichts gesagt. Auch kein „Auf Wiedersehen“. Vielleicht konnten die nicht reden? Egal! Auf alle Fälle habe ich mir so insgesamt 14.807 „Guten Morgen“ und „Auf Wiedersehen“ Sprüche gespart, was 59.228 Worte sind, die unausgesprochen blieben.

 

Zum Schluss vielleicht noch etwas zum Thema „Warten“. Im Schnitt habe ich 25 Sekunden auf einen Kunden warten müssen. Das sind zusammengerechnet 2.133.750 Sekunden, oder 35.562 Minuten, oder 592 Stunden, oder 25 Tage.

 

Ach ja, für alle Zahlenfanatiker: 3.958.666,3, das sind alle Tage, Kilometer, Kunden, Kilogramm, Sekunden, Minuten, Stunden und Wurstsemmeln zusammengerechnet. Nur so am Rande.

Über den Texter

Die Blognotiz Zahlenspiele wurde verfasst und auf texter.me veröffentlicht von Holger Schossig (Redakteur). Mehr Infos über Holger Schossig gibt es im Branchenverzeichnis: Holger Schossig - Online-Redakteur, Texter, Autor, eingetragen in der Kategorie Online-Redakteure.
Besuche auch die Website von Holger Schossig: http://www.holger-schossig.de

Kommentare 

 
#15 Annika 2010-07-13 22:34
Ich habe jetzt echt herzhaft lachen müssen, grandiose Auf- und Vorstellung. Danke für das Versüßen meines Abends!
Zitieren
 
 
#14 Rico Werner 2010-07-13 19:26
Da hat er aber ganz genau mitgezählt. Gib's zu: Du hast den Job nur gemacht, um das dann so schön aufschreiben zu können. 8)
Zitieren
 
 
#13 Christian 2010-07-13 15:20
Und, für mich die Frage der Fragen: Wie viele Zigaretten habe ich schon geraucht in meinem Leben und wie viel Geld dafür schon ausgegeben :D
Zitieren
 
 
#12 Ina Kaupat 2010-07-13 15:14
Das ist wirklich interessant. Da sieht man einmal mehr, was Menschen zu leisten imstande sind. Und wie viele fleißige Paketausträger und Postler gibt es in unserem Land, die beinahe täglich einen Knochenjob leisten!? Grandios!

Das bringt mich auf die Idee einmal eine Aufstellung zu machen, wie viele Telefonate ich in meinem Job als Office-Managerin geführt habe. Tausende? Hunderttausende ? Wie vielen Gästen habe ich die Hand gereicht, hereingebeten und Kaffee, Sprudel und Brezeln kredenzt? Wie oft habe ich den Mandanten den Weg zur Kanzlei erklärt?

Wie viel Kaffee habe ich in den zehn Jahren überhaupt gekocht, wie viele Besprechungen vorbereitet und wie viel Gebäck gereicht, wie viele Faxe weggeschickt, entgegengenomme n und weitergereicht, wie viel Post entgegengenomme n und bearbeitet? Wie oft habe ich für die Entgegennahme von Paketen unterschreiben müssen? Eine lästige Sache! Wie viele Termine habe ich in all den Jahren eingetragen, wie viele Schreiben und Mails getippt, Telefonnotizen angefertigt, Berichte korrigiert, Ordner angelegt, gefüllt, sortiert, gesucht, hin und hergetragen und wieder weggeräumt? Wie viele Pakete Papier einsortiert, in den Drucker und Kopierer gelegt?

Wie viele Tonnen Briefe, wie viele Steuererklärung en habe in zehn Jahren eingetütet und weggebracht? Wie oft habe ich den Mandanten erklären müssen, wo sie bei ihrer Steuererklärung unterschreiben müssen? Wie viele Anträge auf Fristverlängeru ng habe ich verfasst und an die Finanzämter geschickt? Wie viele verschiedene Briefmarken habe ich gekauft? Auf "unsere" Sendungen kamen "richtige" Briefmarken mit den schönsten Motiven. Wie oft durfte ich beim Mandanten anrufen, um Bescheid zu sagen, dass sich der Chef etwas verspätet?

Wie viel Doppelarbeit viel an, weil sich die Chefs nicht einig waren? Wie oft bin ich morgens 7 Uhr aus dem Haus und abends 19 Uhr von der Arbeit zurück?

Mit Zahlen kann ich nicht aufwarten. Mir erscheint diese Aufzählung auch etwas banal, wenn ich an meine Tochter denke, die manchmal nachts um 2 Uhr einen Anruf bekommt, weil eine Not-OP ansteht. Es gibt viele fleißige Leute.
Zitieren
 
 
#11 Holger Schossig 2010-07-13 15:02
Ich hab mir die Käufer schon mal notiert, Autogramme gibt es natürlich kostenlos :-)
Ich hab ja schon einige Kapitel bzw. Tage, denn so möchte ich das aufziehen Tag 1, Tag 2 etc (natürlich nicht alle Tage, wäre etwas viel). Ich würde auch viel mehr schreiben, wenn ich die Zeit hätte... Vielleicht poste ich ja mal zwischendurch dies und das...
Zitieren
 
 
#10 Andrea Schichel 2010-07-13 14:35
Ich würde das Buch auch sofort kaufen!:-)
Zitieren
 
 
#9 Marcus Schweizer 2010-07-13 14:12
Alle Achtung! Buch ist schon gekauft - ein Autogramm will ich auf jeden Fall dann haben! :-)
Zitieren
 
 
#8 Bettina Eisenschmidt 2010-07-13 13:39
Ich würde mich als Probeleser deines Manuskripts anbieten. ;-)
Zitieren
 
 
#7 Caro 2010-07-13 13:33
Wow....bemerkenswert wie robust so ein Mensch sein kann ;-)! Respekt! Also ich hätte auf jeden Fall "Guten Morgen" zu dir gesagt =)...ich hasse Leute die nicht mal "Muh" oder "Mäh" sagen können wenn man grüßt...:sad: Achja, da gibts doch so ein ähnliches Buch nur mit einer Kassiererin, sie berichtet in diesem Buch auch über die Sachen die ihr da so untergekommen sind! Von deinen Zahlen und Fakten her kann sie aber sicherlich nicht mithalten! ;-)
Zitieren
 
 
#6 Christian 2010-07-13 13:18
Super Beitrag Holger, auf das Buch bin ich schon gespannt ;-)
Zitieren
 
 
#5 Cora K. 2010-07-13 13:14
Respekt! Ein echter Knochenjob.
Zitieren
 
 
#4 Holger Schossig 2010-07-13 03:12
Gute Idee! Werd ich älter als gedacht!
Zitieren
 
 
#3 Anja Bergler 2010-07-13 03:07
ach weißt was? die hängst einfach hinten dran ;-)
Zitieren
 
 
#2 Holger Schossig 2010-07-13 03:03
Das sind praktisch 25 Tage, die man vergeudet hat in seinem Leben. Was man damit alles hätte anstellen können ;-)
Zitieren
 
 
#1 Anja Bergler 2010-07-13 02:48
Also Holger, das sind mal definitiv beeindruckende Zahlen. Fast schon lustig, wenn nicht so ein Knochenjob dahinterstehen würde. Besonders dieses 25 Tage warten ;-) Schon krass :-)
Zitieren